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12. Oktober 2001

Pressemitteilung

Innere Sicherheit bedroht Freiheit -
BRD auf dem Weg zum Überwachungsstaat

Der amerikanische Präsident Bush hat seinen Feldzug gegen Afghanistan begonnen, die Bundesregierung hat ihre vorbehaltlose, uneingeschränkte politische und militärische Solidarität angeboten.

Wir kritisieren die Antworten der westlichen Regierungen auf die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten. Krieg ist kein Mittel, um die Ursachen von Terrorismus zu bekämpfen; es gilt vielmehr über das WARUM als über das WER nachzudenken. Die Bedrohung der Menschen durch Terrorismus dient der Bundesregierung nicht nur dazu, ihre Außenpolitik zu militärisieren, sondern auch als Katalysator, um weitreichende Maßnahmen zur Einschränkung der Freiheitsrechte auf den Weg zu bringen. Der Verdacht liegt nahe, daß es der Bundesregierung nur eines willkommenen Anlasses bedurfte, die in den Schubladen längst bereitliegenden Konzepte zum Durchbrechen von rechtsstaatlichen Schranken schnellstmöglichst umzusetzen.

So nutzt Bundesinnenminister Otto Schily seit dem 11. September fieberhaft die individuelle Sorge der Bevölkerung vor Terror-Anschlägen, um die Innere Sicherheit in Deutschland voranzutreiben. Otto Schily hat umfassende Pläne zur Einschränkung unserer aller Grundrechte. Die aktuelle Lage macht Schily und der Bundesregierung die Durchsetzung leichter, denn eine parlamentarische Opposition, welche die Gesetzgebung zur Verschärfung des innenpolitischen Klimas verhindern könnte, gibt es in der Bundesrepublik derzeit nicht. Die Anschläge in New York und Washington haben auch in den Köpfen der Politiker nahezu aller Parteien einen Dammbruch bewirkt. Verfassungsänderungen, die einem permanenten Ausnahmezustand gleichkommen, sind deshalb ernsthaft zu befürchten.

Bereits eine Woche nach den Anschlägen vom 11. September hatte der Bundesinnenminister ein erstes sogenanntes Anti-Terror-Paket umgesetzt; seitdem durchsuchen Fahnder in der Hoffnung, auf diese Weise potentieller Täter habhaft zu werden, so viele Datenbestände wie möglich auf unterschiedliche Kriterien hin. Es droht eine Diskriminierung in Deutschland lebender oder sich aufhaltender Muslime. Die Rasterfahndung wirft erhebliche datenschutzrechtliche Bedenken auf, ihr Aufwand steht in keinem Verhältnis zu ihrer recht fragwürdigen Wirksamkeit. Daß die in der Rasterfahndung erhobenen Daten später wieder gelöscht werden, ist sehr fraglich. Die Handhabung im Falle der Landfriedensbruch-Dateien läßt anderes vermuten.

Bundeskanzler Schröder und sein "Law and Order"- Mann Otto Schily planen noch im Oktober ein zweites "Sicherheitspaket" ohne Rücksicht auf Verluste, auf die Genfer Flüchtlingskonvention, die auch Deutschland unterzeichnet hat, oder auf die - ohnehin nur spärlichen - besonnenen Stimmen durch das Kabinett zu schleusen. Begründungen für die neuen Sicherheitsgesetze bleibt der Innenminister weitgehend schuldig. Wir warnen ausdrücklich vor der vorschnellen Umsetzung von Schilys Vorschlägen, die weniger mit wirksamer Terroristenbekämpfung zu tun haben, als vielmehr mit massiven Eingriffen in die Freiheitsrechte der Menschen!

Der Sicherheitskatalog des Innenministers reicht von der Verschärfung des Asylrechts über massive generelle Einschränkungen des Datenschutzes, der Regelanfrage beim Verfassungsschutz für Ausländer bei Einreise nach Deutschland, den "großen Lauschangriff", d.h. die erweiterte Möglichkeit zum Abhören von Telefon und Privatwohnungen, Videoüberwachung von öffentlichen Straßen und Plätzen, Aufnahme von Fingerabdrücken in Reisepässen und Ausweisen, Ausweitung von BGS-Kompetenzen bis hin zu "Initiativermittlungen" des BKA, das künftig Ermittlungen auch ohne konkreten Anfangsverdacht aufnehmen soll. Dieser Katalog liest sich wie ein Szenario frei nach George Orwells "1984". Der Kampf gegen den Terrorismus - und der Kriegszustand sowieso - dienen der Bundesregierung als Rechtfertigung für den Einsatz staatsterroristischer Mittel.

Zusätzlich plant Schily im zweiten Anti-Terror-Paket, die Trennung von Polizei und Nachrichtendiensten aufzuheben. Das käme einer Novelle der Notstandsgesetze gleich. Darin bezeugt der Staat ein grundsätzlich feindseliges Verhalten und Mißtrauen gegen seine Bevölkerung. Wenn BKA, BND und Verfassungsschutz miteinander verzahnt würden, käme dies der Schaffung einer für die Bundesrepublik qualitativ neuen Polizei gleich - einer politischen Polizei, die ihren eigenen Nachrichtendienst besäße und mit weitreichenden Exekutivkompetenzen ausgestattet wäre. Damit hätte man einer Geheimen Staatspolizei Vorschub geleistet. Schily rechtfertigt die beabsichtigte Verschärfung der Innenpolitik gegen jede historische Erfahrung, die einmal als Warnung galt.

Die Sicherheitsbedürfnisse unseres Staates und die Freiheitsrechte des Einzelnen stehen in keinem ausgewogenem Verhältnis mehr. Hier werden klammheimlich die Grenzen zwischen Rechtsstaat und Überwachungsstaat aufgehoben. Die unmittelbarste Bedrohung der öffentlichen Sicherheit erfolgt durch zunehmende verdachtsunabhängige Überwachung der Bevölkerung, Einschränkungen der Grundrechte, ein grundsätzlich feindseliges Verhalten des Staates gegenüber seiner Bevölkerung. Dieses Prinzip der innerstaatlichen Feinderklärung richtet sich im Moment noch vor allem gegen Ausländer muslimischen Glaubens oder arabischer Herkunft, die unter kategorischen Terrorismusverdacht gestellt werden. Auch andere Gruppen können schnell davon betroffen sein, etwa Globalisierungskritiker oder Studenten.

Schily verschafft dem Staat mit seinen "Sicherheitspaketen" zuviel Macht. Da liegt der Mißbrauch nahe. Wir warnen vor der Schaffung eines neuen Feindbildes, das als Vorwand genutzt wird, um die Aushöhlung von Freiheitsrechten zu legitimieren.

Wer für mehr Sicherheit die bestehende Freiheit aufgibt, verliert beides!


Beate Malkus
Pressesprecherin RightNow!


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Oliver Heins
Last modified: Fri Oct 12 14:16:51 CEST 2001

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