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Wasserwerfer? Bleib' ich sitzen

Während der Busfahrt in Richtung Genua stellen sich Globalisierungsgegner auf unfreundliche Begegnungen ein

Von Karin Ceballos Betancur

Jungs, mit dem Bus? Ist das euer Ernst? Graffiti-bepinselt (sind Sprühdosen eigentlich im Gepäck erlaubt? Oder gelten die als "Gegenstände, die als Waffen genutzt werden können"), Aufschrift "Alternativ Reisen", tote Mücken an der Windschutzscheibe und rote Sterne auf den Gepäckklappen. Wenn das mal gut geht. Auf der Wiese vorm Hamburger Bahnhof Dammtor lehnt eine junge Frau an einem meterhohen Globus, aus dem langsam die Luft weicht.

"An der deutschen Grenze machen sie Stress?", fragt der Busfahrer, nennen wir ihn Pete. "Die Deutschen machen Stress, und die Italiener machen Stress", sagt Oliver Moldenhauer, Koordinationsleiter der globalisierungskritischen Organisation Attac. Pete nickt, schaut wieder auf die Straße und gibt Gas. Handys vibrieren in den Hosentaschen der Journalisten. Sie haben eine Nachricht: "Hamburg (15.48): Attac-Busse sind gestartet. Weitere Stopps in Bremen, Münster, Köln, Karlsruhe, Freiburg." Wenn die Aktivisten am nächsten Morgen die Schweizer Grenze in Weil am Rhein erreichen und mit Gruppen aus München und Berlin zusammentreffen, werden sie 500 sein. Auf zum G-8-Gipfel nach Genua. Eine andere Welt ist möglich.

Zwei Stunden später pult in Bremen jemand den Stöpsel aus einem aufblasbaren Protestobjekt, das einen schwarzen Koffer mit Geldscheinen und Fieberkurve darstellt, als der Bus auf einen Parkplatz einbiegt. Noch mehr Isomatten, noch mehr Rucksäcke, noch mehr Aktivisten. Im Radio spielen sie Bob Marley und Saturday Night Fever und berichten von 700 Globalisierungskritikern, die am Mittwoch an der Grenze aufgehalten worden sein sollen.

Sven Giegold (31), der in Volkswirtschaft über Steueroasen promoviert, bleibt während des Weltwirtschaftsgipfels in der Attac-Zentrale, zuständig für "Pressearbeit und Ermittlungsverfahren", falls es Ärger an der Grenze gibt. Er spricht von Attac, von breiter Unterstützung und antiamerikanischer Tradition der Franzosen, aber er hat nicht viel Zeit dazu. Einsteigen. Weitere Informationen, "Flugis" über die Bewegung, gibt's im Bus, wo es eng wird und die Luft beginnt zu riechen.

Das mit den 700 Leuten an der Grenze war maßlos übertrieben, sagt Oliver später über Busmikro auf der Autobahn Richtung Köln. Offenbar wurde vier Aktivisten die Ausreise aus Deutschland verboten. Um zu entscheiden, wie die Gruppe entscheiden will, wenn Einzelne aus ihren Reihen an der Ausreise gehindert werden, sollen beim nächsten Halt Bezugsgruppen gebildet werden, die "im Konsens" entscheiden. Der ist in vier Stufen zu haben: als "voller Konsens", als "Zustimmung mit leichten Bedenken", als "Zustimmung mit schweren Bedenken" oder als Veto - was eigentlich kein Konsens mehr ist, immerhin eine klar konsenskonträre Position.

Wenn sie unterwegs davon sprechen, was sie dazu bewogen hat, die Reise nach Genua anzutreten, beginnt ihr widerständiger Werdegang zwar an unterschiedlichen Ausgangspunkten, endet aber am gleichen Erkenntnisziel: "Ich bin immer wieder auf Probleme gestoßen, die mit der Globalisierung zu tun hatten." Christoph Bautz, (28) und studierter Diplombiologe, erlebte das "race to the bottom", den Wettlauf nach unten, "bei Preisen und Standards", als er versuchte, mit der Herstellung von Bioprodukten seinen Unterhalt zu verdienen. Von Gewalt halte er nichts, ob sie von Polizisten oder von Demonstranten ausgeht. Die Aktionen müssten vermittelbar sein, Attac sei ein "Hoffnungsträger für eine breite Bewegung, die Fragen an neoliberale Globalisierung stellt".

Pete, der Busfahrer aus Berlin, fragt sich und Christoph, was "das alles" bringen soll. "Unser lieber Helmut, nee, wie heißt der jetzt - Gerhard, na, die machen doch, was sie wollen." Pete fährt zum ersten Mal Demonstranten, normalerweise Rockbands. Ein Münchner Busunternehmer soll sich geweigert haben, Gipfelstürmer nach Genua zu transportieren. "Die fahren halt lieber Scharping durch die Gegend oder Rentner", sagt Pete. Aber bei ihnen im Büro gebe es Leute, "die sich Gedanken machen und das gut finden, mit den Globalisierungsgegnern". Und er selbst? Würde schon gern hingehen, mal in Genua sein. Angst? Nee, könne ja wohl nicht strafbar sein, ein paar Leute nach Italien zu fahren.

Im Bus diskutiert eine Gruppe, wie weit die Gipfelgegner an den Grenzen gehen würden. "Wegtragen lassen?" - "Würd ich mich." - "Wasserwerfer?" - "Bleib' ich sitzen." - "Hunde?" - "Hab ich keine Erfahrung." Bevor um 23 Uhr Köln erreicht ist, erzählt Oliver von einem Bus aus Leipzig, den sie eine Stunde nach Abfahrt gefilzt haben. Beschlagnahmt wurden Staub- und Skimasken, Transparentpfosten. Hinter Köln kommt Flugi Nummer 4 von vorn durch den Bus, später Nummer 5 mit Rechtsinfos. Dann ist Nacht. Ruhe.

Der Donnerstagmorgen brennt im Kreuz, sticht in den Knien und blendet mit Sonnenstrahlen auf einem Parkplatz nahe der Grenze. Irgendjemand pumpt die Welt auf, hinter einem Transparent diskutieren zwei Jungs über rot-grüne Koalition. "Man darf sich nicht verbiegen lassen, man muss sich treu bleiben." Ein freundlicher Sprecher vom Bundesgrenzschutz sagt, nicht jeder, der ausreisen wolle, werde überprüft, nur in Einzelfällen. Oliver hält mit einer Hand ein Transparent "Fairer Handel statt freier Handel! Auf nach Genua!", in der anderen sein Handy. Ein Megafon plärrt: "Es gibt Frühstück!" Sechs Uhr morgens in Deutschland.

Wenn hier friedliche Absichten bestünden - und diesen Eindruck habe er, sagt der BGS-Sprecher -, werde man versuchen, die Reise reibungslos zu gestalten. Ein wenig dauern werde es vielleicht an der Grenze, aber es sei ja nicht so, dass man verhindern wolle, dass Leute nach Genua reisten. "Im Gegenteil: Wir gewährleisten, dass friedlich demonstriert werden kann." Für die Datenüberprüfung im Einzelfall sei "die polizeiliche Erfahrung ein bisschen gefordert". Bisher hab man die Ausreise erst in einem Fall untersagt.

Der Fall steht ein paar Meter weiter, heißt Marcus Hawel, ist 28 Jahre alt und stammt aus Hannover. Ihm werde Landfriedensbruch vorgeworfen, sagt er. Eine Anti-Expo-Demonstration, bei der er in einen Kessel geraten und polizeilich erfasst worden sei, liegt Monate zurück. "Es gab damals kein Verfahren, keine Anklage, und mir wurde versichert, dass die Daten gelöscht werden." Seinen Reisepass hätten die Beamten einbehalten. Seine Bezugsgruppe habe ihm "aus Solidarität" 500 Mark für die Zugfahrt nach Freiburg hinterlassen, wo er eine einstweilige Verfügung gegen sein Ausreiseverbot erwirken will.

Die Busse rollen auf die Grenzstation Weil am Rhein zu. BGS-Beamte mit Baretts und Schlagschutzwesten stehen am Straßenrand. "Diese Jungbullen sind solche Popper", sagt jemand im Bus. Pässe werden eingesammelt, in den Bussen wird es heiß. Globalisierungskritiker dirigieren vom Fenster aus Kamerateams zu Beamten, die das Gepäck untersuchen, stichprobenartig Rucksäcke herausziehen und sie samt ihrer Besitzer in ein Gebäude führen - ein Vorgang, der immer wieder nach Straftat und Überführung aussieht. Als zwei nicht zur Gruppe zurückkommen, setzen die Diskussionen in den Bussen ein. Oliver informiert die Bezugsgruppen, telefoniert, vermittelt, ein Anwalt spricht mit denen, die an der Ausreise gehindert werden sollen. Sechs sind es schließlich, die die Bundesrepublik bis zum Sonntag nicht verlassen dürfen. Was ihnen vorgeworfen wird, bleibt unklar. Einschlägige Straftaten müssten es schon sein, hatte ein BGS-Sprecher gesagt. Max (21) aus München, mit blonden Locken, Sandalen, Karohemd und Isomatte unterm Arm, sagt: "Man erwartet in Genua Gewalttaten von mir." Er lächelt. "Ich denke, es dürfte keine Anhaltspunkte geben, die bei mir für Gewalttätigkeit sprechen."

Krisensitzung auf der anderen Seite der Grenze. Es wird laut. Per Mehrheitsbeschluss entscheiden sich die Bezugsgruppen gegen Sitzblockaden, um das eigentliche Ziel nicht zu gefährden, den Protest in Genua. Presseerklärung. Empörung über die Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Offene Grenzen für Menschen! Einsteigen. Attac Schweiz meldet unterwegs per Handy, am italienischen Grenzübergang Chiasso sei mit keinen weiteren Durchsuchungen der Busse zu rechnen.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 20. Juli 2001

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Oliver Heins
Last modified: Tue Aug 28 12:07:21 CEST 2001

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