Zur normalen Fassung

Einsicht und Empörung

Zur politischen Moral der Protestbewegung

von Helmut Heit

Mord an Benno Ohnesorg

Ich gehe davon aus, dass die meisten Leserinnen und Leser dieses Bild bereits kennen. Es wurde von Jürgen Henschel am 2. Juni 1967 um etwa 20.30 in einem Häuserinnenhof in der Krumme Strasse 66/67, ganz in der Nähe der Deutschen Oper in Berlin aufgenommen. Es zeigt den im Sterben liegenden Benno Ohnesorg und, über ihn gebeugt, Friedericke Hausmann, geborene Dollinger. Das Foto wurde zu einer Ikone der 68er-Bewegung. Ich möchte es zum Ausgangspunkt einiger Überlegungen zur politischen Moral der Protestbewegung nehmen, da darin wie in einem Brennglas verschiedene Aspekte der 68er-Bewegung zusammengeführt werden, die mir heute wichtig erscheinen. Dazu werde ich in zwei Schritten vorgehen. Zuerst werde ich, sehr schlaglichtartig, einige Aspekte der späten sechziger Jahre in Erinnerung rufen. In einem zweiten, eher philosophischen Schritt, werde ich Fragen der politischen Moral ins Zentrum rücken. Meine These wird dabei sein, dass die Aktualität der 68er-Bewegung insbesondere in einer bestimmten moralischen Sensibilität zu sehen ist, die grundlegend für eine Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse ist. Dabei versuche ich zu zeigen, dass die 68er nicht als selbstgerechte Agenten einer höheren Moral zu verstehen sind, sondern als Menschen, die die ideologischen Versprechen einer freien und demokratischen Gesellschaft ernst nehmen und deren unzureichende Realität spüren und kritisieren.

I. Historische Hintergründe

Als erstes fällt mit Blick auf dieses Bild das ikonographische der 68er-Bewegung auf: Es gibt eine Reihe von Ikonen, die heute mit dem Datum 68 verbunden werden. Vor allem aus der nachgeborenen Perspektive assoziiert man 1968 mit einer Reihe von Bildern: Die Erschießung eines Vietkong-Kämpfers durch den Polizeichef von Saigon. Die erhobenen Fäuste und gesenkten Gesichter der schwarzen Olympiasieger. Das Transparent ‚Unter den Talaren, Muff von tausend Jahren’. Der Prager Demonstrant vor dem sowjetischen Panzer. Usw. Die Zahl '1968' ist ja selbst so eine Ikone, eine irreführende zudem, wie sich auch durch das Bild des sterbenden Ohnesorg im Juni 1967! verdeutlichen lässt. Die 68er haben eine vielfältige Vor- und Nachgeschichte. Ich denke zudem, dass Bilder, auch die Fernsehbilder z.B. über den Krieg in Vietnam, für die Protestbewegung eine wichtige Rolle gespielt haben. Im Verlauf der sechziger Jahre etabliert sich das Fernsehen als internationales Massenmedium und zeigt das Elend dieser Welt direkt im deutschen Wohnzimmer.

Der Schriftsteller Uwe Timm, ein Braunschweiger Schulfreund Ohnesorgs, schreibt über das Bild: "Dieses Foto hat, wie nur Bilder es vermögen, Empörung erzeugt." (Süddeutsche Zeitung 30.05.2007; vgl. Timm: Der Freund und der Fremde 2005). Wenn man dieses Bild ansieht, teilt man unmittelbar den Impuls, der auch in der Haltung von Friederike Hausmann zum Ausdruck kommt. Es ist nicht richtig, dass ein junger Mann erschossen am Boden liegt, das sollte nicht sein. Das Bild löst so eine unvermittelte moralisch durchtränkte emotionale Reaktion aus und in dieser suggestiven Kraft kann ja auch das problematische von derartigen Bildern liegen. Dennoch verweist das auf einen aus meiner Sicht wichtigen Aspekt der 68er-Bewegung, den ich hier hervorheben will, nämlich auf den unmittelbaren Wunsch, Leiden abzuschaffen. Ich komme auf diesen Wunsch später im Zusammenhang mit der Moralphilosophie Adornos noch einmal zurück.

Zwar sagt ein Bild mehr als tausend Worte, aber zugleich auch viel weniger, zumindest zu wenig bestimmtes. Deshalb möchte ich kurz ein paar Sachen in Erinnerung rufen, die im Zusammenhang mit dem hier abgebildeten stehen.

Benno Ohnesorg wurde am 15. Oktober 1940 in Hannover geboren, hat in Braunschweig auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht und dann, 1964, in Berlin ein Studium der Romanistik aufgenommen. Im April 67 heiratete er seine bereits schwangere Frau Christa. Am 1. Juni 67 besucht Ohnesorg eine Vortragveranstaltung mit dem Exilperser Bahman Nirumand über die Zustände im Iran unter der Herrschaft des Schahs. So vorgebildet beschließt er, am Folgetag an den Demonstrationen gegen den Besuch des Diktators teilzunehmen. Es ist also nicht Langeweile oder Lust an Krawall, sondern die informierte Überzeugung, man bräuchte die Vertreter von solchen Unrechts-Regimen nicht unbedingt im östlichsten Grenzpunkt des freien Westens hofieren. Ich stelle mir vor, niemand wäre heute begeistert, wenn Angela Merkel z.B. Robert Mugabe als Staatsgast in allen Ehren empfangen würde.

Sowohl tagsüber vorm Schöneberger Rathaus als auch abends vor der Deutschen Oper kommt es zunächst durch 100 bis 150 sogenannte ‚Jubelperser’ zu massiven Übergriffen mit Holzlatten und Stahlrohren gegen die Demonstranten, die zunächst nichts weiter als Parolen skandiert hatten. Die Polizei schaut dieser Gewalt tatenlos zu. Abends vor der Oper wendet sie selbst, nach dem freien Abzug der Perser, die vom Polizeipräsidenten Duensing sogenannte Leberwurst-Taktik an: "Nehmen wir die Demonstranten wie eine Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinander platzt". Diejenigen Demonstranten, die sich in Seitenstrassen flüchten können, werden zum Objekt der sogenannten „Fuchsjagd“, z.T. durch Zivilfahnder wie den geübten Schützen Karl-Heinz Kurras. Etwa gegen 21.00 Uhr wird Ohnesorg tot ins Moabiter Krankenhaus eingeliefert.

Berlins regierender Bürgermeister Albertz rechnete zunächst den Toten und die Verletzten ausschließlich den Demonstranten als Schuld an und stellt sich hinter die Polizei. Am Abend gab er im Fernsehen ein Demonstrationsverbot bekannt und kündigte Schnellgerichte an. Dann musste er noch den Schah zum Flugzeug bringen. „›Ich fragte ihn‹, schrieb Albertz später, ›ob er von dem Toten gehört habe. Ja, das solle mich nicht beeindrucken, das geschehe im Iran jeden Tag‹, habe der Schah geantwortet“ (zit. nach Gretchen Dutschke: Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben, 1996: 131). Später bereute Albertz offenbar sein Verhalten im Sommer 1967: „Ich war am schwächsten, wenn ich am härtesten gehandelt habe, am Abend des 2. Juni, weil an diesem Tag habe ich mich objektiv falsch verhalten“ (Ebd.: 152). Schließlich ist die Bundesrepublik auch am 2. Juni 1967 nicht der Iran. Die Polizei nahm zwar die Verletzung und ggf. auch den Tod friedlicher Demonstranten an diesem Tag billigend in Kauf, kein Zweifel. Aber die Bundesrepublik ist kein Land, in dem so etwas jeden Tag geschieht und zugleich die politischen Eliten nicht beeindruckt. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass nicht wenige Vertreter dieser politischen Eliten der sechziger Jahre ihre Karriere in einem Terrorregime begonnen haben, dass den Iran an Menschenverachtung weit in den Schatten stellt.

Im Anschluss an den 2. Juni 1967 nahm sich ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss der Ereignisse vor der Deutschen Oper an. Dieser Untersuchungsausschuss konnte eine Menge Sachen nicht klären: Woher z.B. die über 100 Jubelperser kamen, die am Morgen mit Sondermaschinen nach Berlin eingeflogen waren. Warum sie zwischen der Polizeisperre und den Demonstranten standen und warum sie vormittags und abends jeweils für gute 30 Minuten ungehindert auf die Demonstranten einschlagen konnten, ohne dass die Polizei eingegriffen hat. Unklar blieb, wer schon vorab 100 Krankenwagen in die Umgebung der deutschen Oper bestellt hat oder auf welche Weise unter den Polizisten kurz vor dem Einsatz das Gerücht verbreitet wurde, einer ihrer Kollegen sei gerade erstochen worden. Nicht geklärt wurde, warum nach Ohnesorgs Einlieferung in Moabit die Einschussstelle aus dem Schädel ausgeschnitten und hinterher wieder zugenäht wurde. Der diensthabende Arzt hat als Todesursache Schädelbruch festgestellt, das fehlende Knochenstück blieb verschwunden. Unter welchen Umständen nun Karl-Heinz Kurras tatsächlich in Ohnesorgs Hinterkopf geschossen hat und wer dabei am Boden lag, konnte der Ausschuss auch nicht klären. Was der Ausschuss klären konnte, war aber, dass der Polizeieinsatz unverhältnismäßig war. Er empfahl, den zuständigen Einsatzleiter zu entlassen und den Polizeipräsidenten vorzeitig zu pensionieren. Es ist vielleicht fair darauf hinzuweisen, dass die Berliner Polizei im vergangenen Jahr einen Kranz an der Stelle der Erschießung niedergelegt hat. Karl-Heinz Kurras hingegen antwortete noch 2007 auf die Frage, ob der Schuss vielleicht ein Fehler gewesen sei: „Fehler? Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären [...]. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend. So iss das zu sehen“ (Der Stern: 1.12.2007)

Hinsichtlich der Nachgeschichte des 2. Juni 1967 will ich noch auf drei Dinge hinweisen, auf die ich auch wegen ihres Hannoverschen Lokalkolorits nicht verzichten mag. Zum einen leistet sich die biedere niedersächsische Landeshauptstadt eine beachtliche symbolische Stellungnahme zu dem in Berlin erschossenen Sohn dieser Stadt. Eine Brücke über die Ihme, die seit 1500 am Schwarzen Bären Hannover und Linden verbindet, heißt seit 1992 Benno-Ohnesorg-Brücke. Bemerkenswerterweise stößt sie auf der Hannoverschen Seite auf das Peter Fechter Ufer. Diese Uferpromenade wurde1978 angelegt und erinnert seit 1983 an Peter Fechter, der 1962 bei einem Fluchtversuch an den Grenzanlagen zwischen Ost- und Westberlin von DDR Grenzern erschossen wurde. Ich weiß nicht, was die zuständigen Stellen sich dabei gedacht haben bei dieser Parallelisierung der Opfer staatlicher Gewalt gedacht haben; aber immerhin, Günter Grass und auch Oskar Negt haben den Tod Benno Ohnesorgs als ersten politischen Mord in der BRD bezeichnet (vgl. Habermas: Protestbewegung und Hochschulreform 1969: 169, Negt in der FR vom 12. Juni 67). Ironie der Geschichte ist wohl, dass an genau dieser Kreuzung ein großes Verwaltungsgebäude des Energiekonzerns Eon steht.

Der zweite Hinweis hängt mit dem Benno Ohnesorg Kongress zusammen, der am 9. Juni 1967 in Hannover stattfand. Auf diesem Kongress formulierte Jürgen Habermas seine bekannte Kritik an der „voluntaristischen Ideologie“ Rudi Dutschkes, der er, wenn sie ernst gemeint sei, die Tendenz zu einem „linken Faschismus“ vorwarf: Dieser, von Oskar Negt als „objektiv fatal“ bezeichnete Begriff, hat ohne Frage den Gegnern der Protestbewegung zugespielt. Aber mehr noch hat dies die spätere Umsetzung einer voluntaristischen Ideologie durch Aktivisten getan, die sich über ihre objektive Ohnmacht getäuscht und deshalb einer Verbesserung menschlicher Lebensverhältnisse faktisch entgegen gewirkt haben. So verbindet sich schließlich auch ein völlig überbewerteter Teil der Nachgeschichte der Protestbewegung mit dem Namen Benno Ohnesorgs

Das Datum des 2. Juni verweist ja drittens auch auf die falsche moralische Selbstermächtigung von Vereinigungen wie der „Bewegung 2. Juni“, die sich im Januar 1972 zusammenschloss. Einer der Protagonisten begründet die Namenswahl: „Alle wussten, was der 2. Juni bedeutet. [...] Mit diesem Datum im Namen wird immer darauf hingewiesen, dass sie zuerst geschossen haben!“ (Reinders Fritzsch: Die Bewegung 2. Juni, 1995: 39). Das ist wohl wahr. Aber wer das sympathische Erinnerungsbuch von Reinders und Fritzsch liest, die oder der sollte keinesfalls versäumen, auch Peter Brückner und Barbara Sichtermanns Studie über Gewalt und Solidarität. Zur Ermordung Ulrich Schmückers durch Genossen zu lesen. Ein Kommando Schwarzer Juni hatte am 4. Juni 1974 den 22-jährigen Schmücker als „Konterrevolutionär und Verräter“ zum Tode verurteilt und „hingerichtet“, weil er im Verhör bei den Bullen nicht dicht gehalten hatte. In einer Verteidigung wies man die Kritik anderer Linker an dieser sinnlosen Gewalt als „weinerlich“ und „moralisch“ zurück. Obwohl sogar bis heute strittig ist, ob Schmücker überhaupt Verrat geübt hat, findet sich kein Nachdenken oder gar ein Wort des Bedauerns bei Reinders und Fritzsch (vgl. 57, 173).

Brückner und Sichtermann schrieben seinerzeit dazu: „Der ‚2. Juni’ ist nicht die erste linke Gruppe, die ‚moralisch’ im abwertenden Sinne gebraucht. Diese negative Bewertung des Moralbegriffs geht möglicherweise zurück auf die frühen Marx-Engel’schen Idealismuskritiken, in denen sozialistische Aufklärer, die durch die Kraft des Wortes, der Überzeugung und des guten Beispiels (letztlich durch Präsentation einer überlegenen Moral) die gesellschaftlichen Zustände zu verändern hofften, auf die materiellen Grundlagen gesellschaftlicher Konflikte und die Notwendigkeit des Klassenkampfs verwiesen wurden. Nur in diesem Kontext ist Ablehnung bzw. Relativierung von Moral sinnvoll. Dass der Klassenkampf selbst wieder eine Moral hat, wird von Marx und Engels nirgends bestritten. Marx’ letztes Argument gegen den Kapitalismus ist ein moralisches: ‚Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen’“ (Brückner/Sichtermann 1975: 84f).

II. Fragen der politischen Moral

Im Anschluss an die Erwägungen von Brückner und Sichtermann möchte ich herausarbeiten, inwiefern jede politische Protestbewegung eine moralische Dimension hat und haben muss. Zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich eine Äußerung von Rudi Dutschke aus dem Jahre 1967: »Ich denke, daß sich heute [...] derjenige als Revolutionär begreifen muß, der durch intellektuelle Arbeit und sinnliche Erfahrungen zu der Erkenntnis kommt, diese Gesellschaft kann und soll verändert werden« (Dutschke in Der Spiegel, Nr. 29/1967: 29). Dutschke und viele, wenn auch nicht die Mehrheit seiner Zeitgenossen, hatten das Bedürfnis nach einem anderen gesellschaftlichen und privaten Leben entwickelt: Diese Gesellschaft kann und soll verändert werden. Dabei ist grundlegend die Differenz zwischen der Feststellung, dass diese Gesellschaft verändert werden kann und der Aufforderung, dass sie verändert werden soll, zu beachten. Dutschkes Anspruch auf eine grundlegende Veränderung hat eine epistemische und eine normative Dimension. Er beruht auf der Verbindung von Einsicht und Empörung.

Es ist wichtig, die Suche nach Wahrheit, nach Aufklärung bestimmter Sachverhalte zu unterscheiden von der Empörung über das, was man bei dieser Suche findet. Nur durch die Verbindung mit moralischer Sensibilität kommt man zu der Überzeugung, dass diese Gesellschaft verändert werden soll. Die Empörung über bestimmte Sachverhalte hat natürlich die Kenntnis der Sachverhalte zur Voraussetzung, zieht sie aber nicht notwendig nach sich, denn aus dem Wissen darum, was der Fall ist, folgt kein Wissen darum, was von diesem Fall zu halten ist, bzw. was der Fall sein sollte. Es gibt keine Kausalität zwischen Einsicht und Empörung. Während die Relevanz von Einsicht, auch des Wertes, sich um bessere Einsicht zu bemühen, für jede Form politischen Engagements wohl unstrittig ist, habe ich mit der Empörung einen anstößigeren Begriff gewählt. Schon Marx und Engels haben in der Deutschen Ideologie das Selbstgerechte und Fruchtlose der Empörung betont. Empörung schmeckt eher nach der Prahlerei eines Menschen, der sich selbst als gut fühlen und ansehen will. Es scheint billig und ohne Folgen, sich zu empören. Wenn man sich jedoch nicht auf den selbstständig unaufhaltsamen Lauf der Geschichte verlassen will und bis auf weiteres, um mit Brecht zu reden „trostlos in das Jahr 5000 stiert“ – wie Marx es übrigens auch nicht tut, wird man wohl jetzt handeln müssen. Und politisches Handeln ist immer Ausdruck von Werthaltungen, auch wenn mancher Politiker den Eindruck erwecken möchte, er würde nur Sachzwänge verwalten.

Empörung steht für die Verbindung von emotionalen und moralisch-wertenden Reaktionen auf Sachverhalte und ich denke, dass auch heute noch eine politische Bewegung ohne Empörung nicht zu machen ist. Das sieht man auch an den massiven Differenzen in der Bewertung politischer Phänomene. Es ist ja nicht so, als hätten alle die Ereignisse am 2. Juni 1967 gleich eingeschätzt. Die meisten haben in ihrer Bewunderung des Schahs als schillernder Autoritätsperson nicht nachgelassen und auch für den toten Ohnesorg wenig Mitgefühl entwickelt. Am 3. Juni war in der Bild-Zeitung unter der Überschrift: ›Blutige Krawalle: 1 Toter‹ ohne eine Andeutung auf den Sachverhalt, dass der Tote von einem Polizisten erschossen worden war, zu lesen: „Hier hören der Spaß und der Kompromiß und die demokratische Toleranz auf. Wir haben etwas gegen SA-Methoden.“ Gretchen Dutschke erinnert sich an die frustrierte Reaktion auf diese Lektüre: „'Sie drehen alles um, die totale Lüge. Wer hat denn die SA-Methoden?' fragte Rudi. Diese Wut, diese ohnmächtige Wut auf einen Staat der tötete, und eine Presse, die log“ (Dutschke 1996: 130). Nicht nur die Springer-Presse, auch viele Berliner Bürger hatten mit der Erschießung eines Demonstranten das kleinere Problem. Im Anschluss an den 2. Juni gehen eine Reihe sehr aufschlussreicher Briefe beim AStA der FU Berlin ein, die 1968 im Kursbuch veröffentlicht wurden. Sie spiegeln die normativen Differenzen zwischen vielen StudentInnen und der Mehrheit der Berliner Bürgerschaft sehr anschaulich.

So schreibt ein anonymer Berliner, die Verunglimpfung des Schahs zeige "daß ihre Schöpfer politische Wirrköpfe, unreif und bewußt undemokratisch sind und erst recht kein Nationalgefühl haben". Dennoch glaubt der Autor, dass die Mehrheit der Studenten "vernünftig" ist und hofft, dass auch die anderen "wieder vernünftig werden, wie es sich für reife und strebsame Schüler gehört. Nämlich höflich, bescheiden, strebsam, Achtung vor dem Alter, dem Arbeiter und dem anderen Geschlecht gegenüber. Wenn sie diese Normen erfüllen, können sie auf die Sympathie der Berliner rechnen. Doch zur Zeit sollten sie leise treten und sich zurückhalten, sie haben viel gutzumachen. Wie kleine ungezogene Kinder haben sie sich benommen, deshalb wurden sie gezüchtigt" (Kursbuch, Vol. 12, 1968: 1). Die Erschießung eines Demonstranten als angemessene Züchtigung eines unbescheidenen Schülers zu charakterisieren, stellt die heute üblichen Vorstellungen von Verhältnismäßigkeit weit ins Abseits. Es gilt als besser, ein strebsamer und bescheidener Bürger zu sein, als den Staatsempfang eines Diktators öffentlich zu verurteilen. Wer es dennoch tut, hat offenbar eine schlechte Erziehung genossen und muss für die Folgen selbst aufkommen.

Wie nahe hier das obrigkeitsstaatliche Verlangen nach Ruhe und Ordnung mit der Bereitschaft, extreme Gewaltanwendung zu billigen, verbunden ist, wird auch an dem folgenden Briefausschnitt deutlich. "Solche, die sich an Krawallen beteiligen, riskieren eben geschlagen, getreten und evtl. getötet zu werden, und das ist völlig rechtens!" (Kursbuch, Vol. 12, 1968: 151). Was uns in diesem verqueren Moral- und Rechtsverständnis begegnet, sind die als preußische Sekundärtugenden bezeichneten Werte. Man kann hinsichtlich dieser Werte sicher geteilter Meinung sein, aber dass die Autoren dieser Briefe gedanklich und emotional noch nicht in einem demokratischen Rechtsstaat angekommen sind, scheint mir doch offensichtlich.

Aber nicht nur Teile der Presse oder der Bevölkerung tun sich schwer mit der Demokratie. Mit Blick auf den Rücktritt der Regierung Albertz, sowie die Zurücknahme einer Fahrpreiserhöhung für öffentliche Verkehrsmittel in Bremen nach erheblichen öffentlichen Protesten bemerkt der Bundestagsabgeordnete Dr. Richard Jaeger (CSU): "Wir haben erschreckende Erschütterungen der Staatsautorität erlebt, als eine Landesregierung wegen der Studentenunruhen zurückgetreten ist, eine andere vor dem Druck der Straße kapituliert hat" (zit. nach Winkler: Das Establishment antwortet der Apo 1968: 13). Man sah in den Aktivitäten der protestierenden Jugend, die zu diesem Zeitpunkt von terroristischen Gewaltakten noch weit entfernt war, einen gefährlichen "Angriff auf die Substanz unserer Gesellschaftsordnung. Ziele dieses Angriffs sind dabei vorwiegend alle Grundlagen der Autorität, ob diese nun personeller oder sachlicher Natur seien" (Karl Heinz Schmidt (CDU), zit. nach Winkler 1968: 37). In diesen Bemerkungen kommt ein problematisches Verständnis der grundlegenden legitimierenden Bedingung demokratischer Herrschaft zum Ausdruck. Diese Politiker bejahen Autorität um ihrer selbst willen, und es ist fraglich, ob sie damit noch auf dem ideologischen Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen. Wenn etwa der Berliner CDU-Fraktionschef Franz Amrehm sagt, "Die Existenz der demokratischen Ordnung hängt davon ab, ob es gelingt, den zerstörerischen Umtrieben an den Universitäten und auf der Straße ein Ende zu bereiten oder nicht" (zit. nach: Winkler 1968: 16), so ist diese Einschätzung nicht nur maßlos übertrieben, sie zeugt auch von grundlegenden Missverständnissen hinsichtlich der Existenzbedingungen einer demokratischen Ordnung.

Oskar Negt betonte schon 1968 die eklatanten Unterschiede in den moralischen Orientierungen weiter Teile der Bevölkerung und der außerparlamentarischen Opposition. Diejenigen, die einen furchtlosen konsequenten Polizei-Einsatz gegen die Protestbewegung forderten, verfügten "nur über die dürftigen Rechtfertigungsgründe, die ihnen die deutsche Geschichte überliefert hat. Ordnung, Fleiß, Sauberkeit, Staatsbewußtsein und Opferbereitschaft – Tugenden, die allesamt von den politischen Katastrophen in Deutschland nicht zu trennen sind" (Negt im Kursbuch, Vol. 13: 181). Diese Werte werden von den 68ern nicht geteilt oder zumindest für nachrangig erachtet. Die politische Moral der Protestbewegung ist Negt zufolge dadurch charakterisiert, dass sich in ihr unmittelbarer Protest mit einer hohen "Sensibilität für Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt verbindet. Sie ist Moral des politischen Verhaltens, des praktischen Widerstandes, der Leistungsverweigerung; sie ist Moral im eigentlichen Sinne" (ebd.: 184)

Auch wenn viele der damaligen 68er vielleicht viel weniger als unser hannöverscher Kollege über Vietnam und Auschwitz empört waren, als vielmehr über autoritäre Chefs, Väter, Lehrer oder Professoren, so ist ihnen doch wohl gemeinsam die Überzeugung, dass die Welt in der sie leben unnötige und empörende Ungerechtigkeiten verursacht und dass ein weitaus größeres Maß an Freiheit realisiert werden kann und soll. Diese Überzeugung ist genuin moralisch, sie reagiert auf Leiden und wünscht deren Abschaffung. In genau diesem Impuls, in der emphatischen Sensibilität für unnötiges Leiden sah Adorno den Kern der Moralität. "Moralische Fragen stellen sich bündig, nicht in ihrer widerlichen Parodie, der sexuellen Unterdrückung, sondern in Sätzen wie: Es soll nicht gefoltert werden; es sollen keine Konzentrationslager sein, während all das in Afrika und Asien fortwährt und nur verdrängt wird [...] Wahr sind die Sätze als Impuls, wenn gemeldet wird, irgendwo sei gefoltert worden" (Adorno Negative Dialektik1966: 281)

Zum Schluss möchte ich ein paar Überlegungen anstellen, warum manche vernunftbegabten Menschen 1968 diesen Impuls der Empörung verspürten, viele andere aber nicht. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Establishment und den revolutionsbegeisterten Jugendlichen resultierten weniger aus unterschiedlicher Sachkenntnis (man brauchte eigentlich nur die Zeitung aufzuschlagen), sondern sind abhängig von der moralischen Frage, was von diesem oder jenem Fall zu halten sei und ob es mit Blick auf die politische Situation verhältnismäßig und gerechtfertigt ist, die öffentliche Ordnung in der BRD zu stören. Was manche Jungen von vielen Alten trennt, sind weniger Informationen und Argumente, sondern bestimmte Einstellungen in Fragen des politischen Lebens. Diese Einstellungen fallen nicht vom Himmel. Hierbei stütze ich mich z.B. auf Marcuses Aufsatz Ethik und Revolution aus dem Jahre 1964.

Die Idee einer Abschaffung von Frust, Krieg und Hungertod interessiert mich weniger als ein irgendwie gegebener Wert an sich, sondern als real gewordene Möglichkeit, die unter bestimmten historischen Bedingungen erwächst. Die moderne westlich-kapitalistische Welt bleibt weit, weit hinter ihren Möglichkeiten, selbst hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück, und das ist kein Zufall. Die Akteure der Protestbewegung sind aufgewachsen in der Zeit des ausklingenden Wirtschaftswunders, so dass für diese Generation "die Glücksversprechen des Marktes, der Werbung und des Konsums zunächst ebenso real waren wie das in den Schulen, in der seriösen Presse und den Sonntagsreden verbreitete Pathos westlicher Demokratie" (Brand Aufbruch in eine andere Gesellschaft 1983: 55). Dabei vertraue ich dem Urteil von Wolf-Dieter Narr, dass die Heranwachsenden in der jungen ›rheinischen Republik‹ "trotz allem liberaldemokratisch sozialisiert" (Narr in Buckmiller/Perels: Opposition als Triebkraft der Demokratie1998: 166) wurden. Aus dieser Sozialisation ergibt sich im Westen Deutschlands eine Protestkultur, die den liberalen, bürgerlichen Staat an seiner eigenen Ideologie misst. Die 68er gehören so zu einer Generation, die das Missverhältnis wahrnimmt, das zwischen dem potenziellen Reichtum, dem potenziellen Glück in einer modernen Gesellschaft und dem faktischen Leben besteht, das die große Mehrheit der Menschen darin führen.

Die politische Motivation der protestierenden Studenten, Schüler und jungen Arbeitern bestand darin, die Ideologie des Westens ernst zu nehmen und die konkrete Realisierung von Demokratie und politischer Freiheit in den verschiedenen Bereichen privaten, gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens zu fordern. Sie waren sensibel für gesellschaftlich verursachtes Unrecht, gerade weil sie nicht in einer faschistischen Welt aufgewachsen sind, sondern mit der spürbaren Möglichkeit und dem expliziten Versprechen auf Freiheit und Glück. In dieser sensibel empfundenen Diskrepanz zwischen der formalen Behauptung und der materiellen Realität menschengemäßer sozialer und kultureller Institutionen sehe ich den Kern der politischen Moral der Protestbewegung und zugleich den Kristallisationspunkt ihrer aktuellen Relevanz.

Dr. Helmut Heit ist Philosoph und Politikwissenschaftler.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um den Einleitungsvortrag für das am 9. Juli 2008 öffentlich veranstaltete Kolloqium »1968 – Fragen der politischen Moral« im Leibniz-Haus in Hannover.

Zur normalen Fassung


https://sopos.org/aufsaetze/48dceb0982abc/1.phtml

sopos 9/2008